Herbst (c) Pixabay

Fürchtet euch nicht! Euch ist alles gegeben

Herbst
Mo., 19. Nov. 2018
Pfr. Frank Schürkens

Das Kirchen-Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Draußen wird das in diesem Jahr fast bilderbuchhaft illustriert. In kräftigen Herbstfarben erstrahlt die Natur noch einmal, bevor sie sich für den Winter entkleidet. Die Blätter fallen, damit der Baum die kalte Jahreszeit übersteht. Sie sinken zu Boden, damit im nächsten Frühjahr neues, frisches Grün das Leben zurück bringt. So wird mir jedes Jahr deutlich vor Augen geführt, dass alles bleibt, was sich wandelt; ohne Wandel, ohne das Sinken in den Tod kein Leben.

Damit wird schon deutlich, dass Wandel immer auch mit Trauer und Schmerz verbunden ist. Es endet etwas. Ich muss etwas oder jemanden loslassen; muss Abschied nehmen. Diese Trauer zeigt mir, dass da etwas wichtig war; dass ich einen anderen Menschen in mein Herz geschlossen habe; dass ich die Liebe, die in mir ist, gelebt habe. Deshalb ist es wichtig, zu trauern. Der Schmerz ist Erinnerung an diese verschenkte Liebe.

Doch gilt es, den Blick irgendwann wieder zu heben. Ich verharre ja auch nicht mit gesenktem Kopf in der Natur, um bei den gefallenen Blättern zu bleiben. Der Schnee hüllt sie in sein weißes Kleid und spätestens im Frühjahr, spätestens dann, wenn die Knospen an den Zweigen wieder dicker werden und aufspringen, erfreue ich mich an der Kraft des Lebens. Diese Knospen aber erinnern mich schon im Herbst an dieses Ereignis. Wenn ich genau hinschaue, dann entdecke ich sie nämlich schon beim Fallen der Blätter dort, wo das alte Blatt gewesen ist.

Unser Glaube verheißt etwas Ähnliches. Im Tod, in der Umkehr zu unserem Gott, entdecke ich das Leben. Die Mitte und der Grund unseres Glaubens sind der Tod und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus. In ihnen hat Gott uns gezeigt, dass die Liebe die stärkste Kraft ist. Hier wird mir deutlich, dass in der Hingabe, im Platz machen, in einem Ich-will-das-du-lebst alles liegt, was uns als Menschen, als geliebte Geschöpfe Gottes, ausmacht. Deshalb ist im Zeichen der Taufe unser Tod schon vorweggenommen. Als Christ sterbe ich in der Taufe dem Tod und erhalte Anteil am ewigen Leben, das uns durch die Auferstehung Christi geschenkt ist.

Dies betonen die Texte der Liturgie in diesen Tagen. Ihr habt schon alles in euch. Euch ist durch die Taufe alles geschenkt; überreich ist der Heilige Geist über euch ausgegossen:

„Als aber die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet - nicht weil wir Werke vollbracht hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens - durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.“ (Tit 3,4-7)

Das schreiben die Autoren dieser Texte in die Situation der frühen Christen hinein; in die Verfolgung und Bedrängnis; in die politischen Wirren der Zeit; in die Herausforderung hinein, die alten Sicherheiten hinter sich zu lassen und den Glauben an Jesus Christus anzunehmen.

„Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können. Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen. Ja, das sage ich euch: Ihn sollt ihr fürchten. Verkauft man nicht fünf Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch vergisst Gott nicht einen von ihnen. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Ich sage euch: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen.“ (Lk 12,4-8)

Der synodale Gesprächs- und Veränderungsprozess „Heute bei dir" stellt uns heute vor die Herausforderung, dass vieles sich ändern wird in nächster Zeit. Von einigem werden wir uns unter Schmerzen und tiefer Trauer trennen müssen. Der Prozess hilft uns, dabei gute, begründete und geisterfüllte Entscheidungen zu treffen. Vor Ort haben wir diesen Faden schon länger aufgegriffen und ringen in unseren Gremien darum, wie unsere Kirche vor Ort in Zukunft aussehen kann, damit die frohe Botschaft die Menschen erreicht.

Auch hierbei gilt für mich: Fürchtet euch nicht! Euch ist alles gegeben.

Ich wünsche mir, dass sich möglichst viele Menschen an diesen Überlegungen beteiligen. Ich wünsche mir, dass viele aufbrechen und zu Kundschaftern werden. Mich trägt dabei die Hoffnung, dass diese Kundschafter mit einem verheißungsvollen Schatz zurückkommen, wie in der Geschichte des auserwählten Volkes. (Num 13,1-14,38)

Deshalb wird uns im folgenden Advent das Lied „Den Aufbruch wagen“ (Gl 900) begleiten.

Wagen wir ihn immer wieder, diesen Aufbruch, als Kirche gemeinsam und jeder Einzelne von uns persönlich.

Ihr Pastor